Gaith al Sultan – ein syrischer Flüchtling erzählt seine Geschichte

Ein Interview von Chiara Ferrandina, Lucie Besken und Alba Lang, im Rahmen der Unicef-AG


Gaith, möchtest du uns etwas über deinen Film erzählen?

Gerne, ich bin Gaith und komme aus Syrien. Ich habe einen Film gedreht, der meine Flucht von Syrien nach Deutschland beschreibt. Diesen Film habe ich in der Türkei angefangen mit der Hilfe eines BBC-Journalisten. Als ich in der Türkei war, hatte ich kein Geld und musste deswegen auf der Straße schlafen. Der Journalist hat mich so gesehen und wollte mir helfen. Ich erzählte ihm, dass ich auf der Flucht nach Deutschland bin. Daraufhin gab er mir einen guten Tipp, der mich motivieren und mir Hoffnung geben sollte. Er riet mir die Flucht mit meinem Handy zu dokumentieren. Das war jedoch schwierig, denn als Flüchtling war man oft umgeben von Polizisten, die auch bereit waren zuzuschlagen.

Wurdest du einmal von Polizisten geschlagen?

Ja, in Griechenland, Ungarn und Mazedonien. Aber ich konnte das natürlich nicht aufnehmen.

Warum haben dich die Polizisten geschlagen?

Ich wollte meine Fingerabdrücke in Ungarn nicht Preis geben und deswegen schlug mich die Polizei mit ihrem Schlagstock. In Mazedonien hat mich die Polizei ebenfalls geschlagen, weil zu viele Menschen auf einem Platz waren. Es standen 8000 Menschen vor den Polizisten, die in Richtung Nordeuropa fahren wollte. Die Polizei hat die Flüchtlinge nicht weitergelassen. Wir froren. Es war kalt und nass und wir hatten keine richtige Schlafmöglichkeit. Es war unerträglich.

Was hast du noch auf deiner Flucht erlebt?

Eines Tages wurde mein Handy und mein Portemonnaie auf einem Flüchtlingsboot geklaut. In diesem Portemonnaie waren 200 € enthalten. Als ich in Athen ankam, ging es mir dementsprechend schlecht.

Hinzu kam, dass meine Aufnahmen, die ich zuvor gemacht hatte verschwunden schienen. Zum Glück hatte ich die Aufnahmen vorher einem Freund gesendet und sie sind somit glücklicherweise nicht verloren gegangen.

Warum war dein erster Zwischenstopp die Türkei?

Als in Syrien der Krieg angefangen hatte, mussten die meisten Jugendlichen für ihr Land kämpfen. Da mein Bruder angeschossen wurde, mussten wir ihn in das nächste Krankenhaus bringen. Das Krankenhaus war in der Türkei, da durch den Krieg fast alle Krankenhäuser in Syrien zerstört wurden. Meine Mutter blieb noch in Syrien. Ein Tag nach der Operation meines Bruders, starb mein Vater aufgrund ungeklärter Ursachen. „Und das war echt ganz schwierig. Das war eine Katastrophe.“ Meine Mutter floh daraufhin auch in die Türkei. dort wohnten wir nicht in einem Haus, sondern in einer Einrichtung wie „für Hunde“ gemacht oder mit mehreren Flüchtlingen auf engem Raum.

 

Wer hat dir alles auf deiner Flucht geholfen

Einerseits der Journalist mit dem Tipp meinen Weg zu dokumentieren. Er hat mir gesagt, dass ich aufgrund meiner Aufnahmen die schwierige Reise schaffen würde und der Film mir mental helfen kann. Andererseits Freunde und meine Familie im Ausland, wie eine Cousine in Schweden oder ein Freund aus Dänemark. Sie schickten mir Geld oder Nahrung.

Was passierte in Griechenland, als du mit dem Flüchtlingsschiff ankamst?

In Athen habe ich einen guten Freund, Abdul, kennengelernt, der viele Ereignisse meines Lebens teilte. Auch sein Vater starb. Er ertrank, als ein Flüchtlingsboot gekentert ist. Außerdem wusste er wie es ist, als Jugendlicher eine Flucht zu bestreiten. Unsere Wege trennten sich leider in Griechenland, doch er ist für mich wie ein Bruder geworden. Wir haben immer noch jeden Tag Kontakt.

Ist bei dir auch das Flüchtlingsboot gekentert?

Ja 50 Meter vor dem Ufer, doch es sind keine Menschen gestorben. Wir hatten Glück und wurden gerettet.

Wieso ist in Syrien ein Krieg ausgebrochen?

Ich kann diese Frage selber nicht beantworten. Ich war Zuhause, als ich die ersten Raketen gehört habe. Die Raketen kamen von einem Tag auf den Anderen und halten bis heute an. Ich musste aus meiner Heimat fliehen, weil ich sonst im Krieg hätte mitkämpfen müssen und ich in Syrien keine Perspektive habe. Es gibt keine Schulen, keine Arbeit und täglich gibt es die Gefahr zu sterben.

Wenn der Krieg vorüber ist, willst du dann nach Syrien zurück?

Ich will auf keinen Fall zurück nach Syrien, weil ich schreckliche Angst habe, was mich erwarten wird, auch wenn der Krieg vorbei ist.

Du hast in Deutschland deine Geschwister wieder getroffen. Wie geschah das?

Es war ein wunderschöner und hoffnungsvoller Zufall, dass ich sie in München traf. Unser sehnlichster Wunsch ist es unsere Mutter nach Deutschland holen, da sie noch in der Türkei ist und die Flucht aufgrund ihrer Herzprobleme nicht bestreiten konnte. Wir vermissen sie sehr. Es ist aber sehr schwierig diesen Wunsch zu realisieren.

Haben deine Geschwister und du schon Asyl erhalten?

Nein, haben wir leider noch nicht.

Was blieb dir noch von deiner Flucht besonders in Erinnerung?

In der Türkei, als mein Vater starb und ich kein Geld hatte, musste ich 14 Stunden arbeiten und habe 2 Brote dafür bekommen. Ich habe dort in einer Bäckerei gearbeitet.

 

Hast du mitbekommen, dass in Deutschland immer mehr Menschen gegen Flüchtlinge sind?

Ja, habe ich, doch mich hat noch nie jemand in Deutschland beleidigt. „Deine Finger sind auch nicht alle gleich.“ Es gibt viele gute, aber auch böse Leute. Die Menschen sind einfach unterschiedlich, genau wie unsere Finger. Aber diese „bösen“ Menschen gibt es auch in Syrien und überall auf der ganzen Welt.

Wieso wolltest du nach Deutschland?    

Ich wollte zuerst nach Dänemark reisen, doch ich wollte nicht von Dänemark wieder nach Syrien geschickt werden. Ich hatte in Deutschland mehr Hoffnung akzeptiert zu werden. Ich will auch nach der Beendigung des Krieges nicht zurück nach Syrien. Alle meine Freunde sind gestorben und mein Zuhause ist zerstört.

Wie lange bist du schon in der Goetheschule?

Seit 6 Monaten, aber ich wünsche mir, bald auf die ADS zu kommen. Später möchte ich Journalist werden, da mich die Dokumentation der Flucht dazu inspiriert hat. Ich weiß, es ist schwierig, doch ich bin mir sicher, dass ich es packen kann. Und ich gebe nicht auf. Mein Vater hat mir das so beigebracht.

Wie fühlst du dich, wenn du deinen Film zeigst?

Es ist schwierig, da es alles wahre Begebenheiten sind, die eine sehr schwierige Zeit in meinem Leben markieren. Aber ich bin froh, meine Geschichte teilen zu dürfen. Ich war sehr nervös, meinen Film der ADS zu zeigen, da es das erste Mal war, dass ich meinen Film öffentlich gemacht habe. Doch alle Schüler waren sehr gerührt und mitfühlend. Das hat mich sehr gefreut.

Viele sagen, dass die Kultur der arabischen Welt und der westlichen Welt sich sehr unterscheiden. Zum Beispiel im Hinblick auf die Kopftuchpflicht und der fehlenden Gleichberechtigung von Frauen. Wie siehst du das?

Für mich sagen nur „dumme Leute“, dass es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. In meiner Heimat waren Frauen nicht weniger wert als Männer. Das ist eher der Fall in Saudi-Arabien. Ich weiß auch nicht, wieso manche Frauen gezwungen werden ihr Gesicht nicht zu zeigen. Das vermittelt unsere Religion nicht! Meine Schwester trägt auch kein Kopftuch, weil wir gegen diese Ansichten sind und sie nicht verstehen können. „Für mich ist unser Gott und euer Gott sehr ähnlich.“
Nachtrag:

Wir hatten nicht nur ein interessantes Gespräch mit Gaith, sondern hatten viel Spaß und haben einen Freund gefunden. Des Weiteren wünschen wir Gaith auf seinem weiteren Weg alles Gute und bedanken uns herzlich bei ihm für das aufschlussreiche Gespräch.

„Kolschi tammam!“ – Alles Gute!

„Ich erzähle euch meine Geschichte, doch es ist ganz schwierig zu verstehen, wie furchtbar und schwierig diese Flucht war, wenn man sie selber nicht erlebt hat.“ (Gaith)